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Einleitung

Hessen zählt zu den trachtenreichsten Ländern in Deutschland (es gibt 29 Trachtengebiete); doch so vielseitig das äußere Erscheinungsbild der Trachten ist, so verschieden sind auch die Auffassungen darüber, was man eigentlich unter dem Begriff "Tracht" versteht.

Die HVT schließt sich im wesentlichen der Auffassung Gerd Greins, Leiter des Hessischen Trachtenmuseums Otzberg, an, der zurzeit als bester Kenner hessischer Trachten gilt. Er versteht unter Tracht bestimmte Kleidersitten, die
- in einer bestimmten Landschaft,
- während einer bestimmten Epoche,
- von einer bestimmten Bevölkerungsschicht
angenommen und verinnerlicht worden sind. Ganz bestimmte Kriterien wie
- soziale Herkunft,
- konfessionelle Zugehörigkeit,
- Alter und Geschlecht

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Odenwälder Trachtenhochzeit, 1990
haben eine prägende Wirkung ausgeübt. Sonderfälle innerhalb des Trachtengefüges sind durch Beruf und Stand sowie durch Anlässe im Jahres- und Lebenslauf entstanden.

Wichtig ist immer, dass eine bestimmte Bevölkerungsgruppe diese Kleidernormen als die ihrer gemäßen Form der Kleidung angesehen hat und sich auch diesen Normen unterwarf.

Im Mittelalter waren Bauern Leibeigene mit reiner Zweckkleidung; später sorgten Reichserlasse (z.B. 1530) für strenge Kleiderordnungen, die dem Träger wenig Freiheiten in Bezug auf Material und Art der Ausführung ließen; nach der französischen Revolution (1789) wurde die Leibeigenschaft auch in Hessen endgültig abgeschafft, und das Bauerntum ist eine eigenständige Gesellschaft mit sittlichem und künstlerischem Anspruch sowie kultureller Freiheit geworden. Bis in die heutige Zeit hinein wird in Hessen lediglich noch im Marburger Raum und in der Schwalm von einigen Leuten täglich Tracht getragen.

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Hessische Trachten

Von den 29 verschiedenen hessischen Trachten seien einige Beispiele genannt:

Die Evangelische Marburger Tracht entwickelte sich wohl vom Ebsdorfergrund aus und drängte die alten schwarzen Trachten langsam zurück, da sie ständig die von der Industrie angebotenen neuen Stoffe, Schmuckstücke und Bänder in sich aufnahm. Sie war "modern" und wird heute noch von 1500 älteren Frauen und von 23 Gruppen getragen.

Die Katholische Marburger Tracht hat sich gleichzeitig in den katholischen Dörfern rund um die Amöneburg entwickelt und wird heute noch von ca. 1000 Frauen und 12 Gruppen getragen.

Von den Hinterländer Trachten werden heute noch die Delmutschentracht und die Schneekappentracht, die sich wohl am wenigsten aus der alten schwarzen Tracht weiterentwickelt haben, sowie die Breidenbacher Tracht und die Perftaltracht (Obereisenhausen) getragen.

Die Landecker Tracht, die von rund 6 Trachtengruppen aus den ehemaligen Amtsbezirken Landeck und Friedewald (etwa 20 Dörfer rund um den Landecker Berg zwischen Fulda und Werra) getragen wird, ist eine knöchellange, schwere Bauerntracht, die bis etwa 1925 verbreitet von Mädchen und Frauen getragen wurde. Besondere Merkmale sind die farbenfrohen Borten und Stickereien sowie die perlenbestickte und bänderreiche Bätz (Kappe) und das Schnierheit (Schnürhaupt), ein festlicher Perlenkopfputz, der nur zu Hochzeiten und festlichen Anlässen getragen wurde.

Im Schlitzer Land, der ehemaligen Grafschaft Schlitz, wird von den Mädchen und jungen Frauen eine vielfältig und farbenfroh bestickte wadenlange Tracht mit buntbestickten, knielang gestrickten "Bortefirwes" getragen, die durch ihren eng gefalteten, weitschwingenden und reich besetzten Tuchrock besonders wirkungsvoll in ihrer Erscheinung ist
Im Gegensatz zu diesen Trachten bäuerlichen Ursprungs wird von der Trachtengilde Lauterbach eine bürgerliche Tracht mit der charakteristischen weißen Radhaube aus der Zeit um 1800 getragen.

In der hessischen Rhön tragen die jungen Frauen und Mädchen der Rhöner Trachtengruppe rhönfränkische Trachten mit kürzeren Röcken, während die Männer und Burschen mit schwarzen Kniebundhosen und Tuchjacken sowie dem Dreispitz als Kopfbedeckung bekleidet sind.

Die Odenwälder Tracht greift über das eigentliche Gebirge hinaus und wurde im gesamten Gebiet, das von Rhein, Main und Neckar umflossen wird, also der früheren Provinz "Starkenburg" getragen. Die Odenwälder Männertracht in der uns bekannten Form entstand um 1750. Das aus der Hosentasche heraushängende Taschentuch ist hier eine Besonderheit.

Von den Heimatvertriebenen werden die Schlesische Tracht und die Ungarische Tracht bevorzugt.

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Die Trachten im Einzelnen

In Zukunft werden wir uns bemühen an dieser Stelle eine möglichst vollständige Übersicht aller hessischen Trachten bereitzustellen. Sie finden eine Beschreibung aller Trachten und Gruppen in unserem aktuellen Buch "Trachtenland Hessen".

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Herstellung von Trachten

(c) HVT

Die Anfertigung von Trachten war und ist heute noch überwiegend Handarbeit. Dies ist einerseits sehr zeitintensiv, andererseits aber wird dem Hersteller die Möglichkeit geboten, handwerkliches Geschick und künstlerische Fähigkeiten einzubringen.

Hanf und Flachs (Foto) waren wichtige Rohstoffe zur Herstellung von leichten Stoffen. Das Material aus Flachs war feiner und wurde zur Fertigung von Hemden, Kitteln und Unterwäsche benutzt. Aus Hanf stellte man u.a. Nähgarn, Bindfäden, Seile, Säcke und Sätücher her.

Die Schnittmuster und Vorbilder können in vielen Trachtengebieten Hessens Original-Teilen entnommen werden. Schwieriger ist es, wenn man auf Bilder, Zeichnungen oder Beschreibungen angewiesen ist und hieraus geeignete Schnittmuster und Vorlagen rekonstruieren muss. Trotz gewissenhafter Arbeit ist es ab und zu erforderlich, aufgrund neuer Erkenntnisse Korrekturen vorzunehmen.

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Stationen der Flachsverarbeitung zur Trachtenherstellung: riffeln, brechen, schwingen, hecheln, spinnen; dargestellt von der Brauchtumsgruppe Loshausen
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Trachtenpflege in den Gruppen der HVT

Für unsere Gruppen, die entweder noch Original-Trachten tragen oder aber sich Trachten herstellen, gelten folgende Empfehlungen:

1. Jedes Gruppenmitglied sollte darüber informiert sein
- wann seine Tracht getragen wurde,
- wo die Tracht getragen wurde und
- zu welchem Anlass sie getragen wurde.

2. Bei der Herstellung von Trachtenteilen sollte man bemüht sein, der Originaltracht bzw. den Bildern der Originaltracht in Material und Arbeitsweise möglichst gerecht zu werden.

3. Im eigenen Interesse und im Interesse der Gruppe sollte jedes Gruppenmitglied auf ein ordentliches Erscheinungsbild achten. Insbesondere sollten
- Sonnenbrillen vermieden werden,
- Modeschmuck und moderne Uhren abgelegt werden,
- Frisuren der Kopfbedeckung (Haube, Stülpchen, Hut) angepasst sein,
- bei allen Trachtenteilen auf guten Sitz und sorgfältige Pflege geachtet werden.

4. Die Tracht sollte für alle, die sie tragen, ein Symbol der Verbundenheit zur Heimat und ein Zeichen der Gemeinschaft sein; sie sollte leben, d.h. gewisse Funktionen im Leben erfüllen und daher bei möglichst vielen geeigneten Anlässen getragen werden, wie etwa bei Hochzeiten, Konfirmation, Kommunion, Ehrungen, Jubiläen usw.

5. Gruppenleiter, andere Verantwortliche und ältere Mitglieder sollten immer gute Vorbilder sein.
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